Kommentar zu den Äußerungen von Kardinal Meisner zur Abtreibung
08.07.2011
Sehr lange habe ich gezögert und mich gefragt, ob es Sinn macht, auf die Äußerungen von Kardinal Meisner zur Abtreibung überhaupt zu reagieren. Dem Kardinal einen persönlichen Brief zuschicken mag ich nicht - eine Antwort mit konkreten Aussagen zur Problematik erhielte ich sowieso nicht. Einen Leserbrief schreiben - so werde ich wohl auch kaum sein Herz erreichen. Das ist das Dilemma, in dem ich mich befinde.
Nun habe ich mich doch entschieden, zu dieser so komplexen Problematik diesen Leserbrief zu schreiben. In einem Punkt stimme ich dem Kardinal ganz zu - das Töten ungeborenen Lebens ist nie und nimmer in Ordnung. "Du sollst nicht töten!" - dieses Gebot ist jedem Menschen ins Herz geschrieben. Weiß der Kardinal, dass eine ungewollte Schwangerschaft Frauen in eine schwere Lebenskrise führt? Weiß der Kardinal, dass oft sogar die eigenen Eltern die Tochter zu einer Abtreibung drängen? Weiß der Kardinal, dass auch viele Männer schwangere Frauen massiv unter Druck setzen, eine Abtreibung vornehmen zu lassen? Weiß der Kardinal, wie schwierig es ist, in kürzester Zeit eine Entscheidung zu treffen, wenn die Gefühle der Frauen "verrückt" spielen und Frauen dem Druck von außen nichts mehr entgegenzusetzen haben? Weiß der Kardinal auch um den inneren Druck der Frauen? Was da bei einem Ja zu meinem Kind auf mich zukommt, dem bin ich nicht gewachsen - empfinden viele Frauen - weiß der Kardinal das alles?
Ich stimme mit dem Kardinal überein, dass das Töten ungeborenen Lebens keine Lösung in diesem inneren Konflikt ist. Ich stimme auch mit dem Kardinal überein, dass das Töten eines ungeborenen Kindes für dieses ein leidvolles und entsetzliches Erlebnis ist.
Weiß der Kardinal, dass eine Frau, die hat abtreiben lassen, durch den Vorgang der Tötung ihres eigenen Kindes selbst eine schwere Traumatisierung erleidet? Fehlt es dem Kardinal mangels Erfahrungen mit Traumatisierten an der notwendigen Sensibilität, um angemessener mit dieser Problematik umzugehen? Sollte der Kardinal (nicht nur bei dieser Problematik) sich nicht vorher besser informieren, wie sehr traumatisierte Frauen oft noch nach vielen Jahren unter einer Entscheidung leiden, die nicht rückgängig zu machen ist? Brauchen solche Frauen - anstatt dass man sie exkommuniziert - nicht ganz viel liebevolle Begleitung bis sie wieder ihres Lebens froh werden können? Retraumatisierungen von solchen Frauen habe ich miterlebt und das was nur furchtbar. Ziel muss doch wohl sein, dass Frauen mit ganz viel Unterstützung sich selber vergeben können, nachdem Gott und das getötete Kind ihnen längst vergeben haben!
Hätte Jesus nicht genauso gehandelt? Die Antwort ist für mich eindeutig. Ist der Kardinal noch bereit, umzudenken und zu einer Sensibilität zu finden, die Jesus vorgelebt hat?
Bruno Ix,
Pfarrer in Schleiden-Dreiborn

